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23. April 2018

23-04-2018 … von Tempel 11 zu Tempel 12

Heute ging es nach einer für mich ziemlich schlaflosen Nacht (4 Stunden maximal) um 6:30 Uhr Richtung Tempel 11. Ein schöner Tempel am Waldrand am Hang eines Berges gelegen. Wir waren mit die ersten Pilger und es herrschte eine ruhige und sehr andächtige Stimmung. In Tempel 8 und 10 hatte ich gestern schon ganze Pilgerströme aus Bussen aussteigen sehen- und in Tempel 10 war der Fahrer einer solchen Gruppe vor mir im Büro und hat 30 Pilgerbücher stempeln und kalligraphieren lassen … Autschn. Doch zurück zum heutigen Tag: Laut einhelliger Meinung aller Shikokupilger im Internet ist dies die schwerste Etappe - zwischen Tempel 11 und 12 gilt es auf einer Gesamtstrecke von 16 km knapp 2.500 Höhenmeter zu begehen. Dabei gilt es drei Anstiege und dazwischen zwei Abstiege zu bewältigen - auf Anstieg Nr. 3 befindet sich dann der Tempel.  

Eigentlich wollte ich heute etwas über meine These zu den jungen Verkäuferinnen im 7/11 Shop erzählen - die jeden Kunden, der den Laden betritt, lauthals anschreien, dass sie sich freuen ihn begrüßen zu dürfen, und sie hoffen, dass er hier ales finden möge, was sein Herz begehrt ... so hat sich das zumindest für mich angehört. Während ich gestern im Laden war, hat die Verkäuferin 8 weitere Eintretenden verbal lautstark aufs Herzlichste begrüßt. Gearbeitet und kassiert hat nur der Chef - natürlich immer mit einem herzlichen Lächeln. Aber Ok, aufgrund der heutigen Ereignisse werde ich die Story weiter recherchieren.

Es fing ganz gut an, A. ging etwas langsamer und ich wartete gelegentlich auf ihn. Zuerst traf ich auf dem Weg Soledad aus Chile, eine junge Frau die hervorragend englisch spricht (und auch italienisch) mit der ich gutes Stück gewandert bin. Sie reist sehr gerne und wandert überall auf der Welt - und sie hat eine Cousine in Dresden. 

Es war heute wieder recht heiß und mir rann der Schweiss in Fluten ... aber dafür ging es fast den ganzen Tag auf Wald-und Schotterwegen durchs Gelände, fast komplett ohne Asphalt. Meine Fussohlen dankten es mir. Überall entlang des Pilgerwegs stehen kleine, alte Statuen - zum Teil moosbewachsen, ein toller Anblick.

Etwas weiter auf dem Abschnitt überholte mich Kita, ein junger Japaner aus der Gegend, er betreibt Berglauf - im Dauerlauf(!!) nur ganz leichtem Rucksack. Er ist ein begeisterter Fußball und wir haben etwas über Bayern München gefachsimpelt - aktuell findet er Mats Hummels ganz toll. Er bot mir mehrfach von seinem Wasser an, gab mir 3 von seinen Energiedragees und rannte dann weiter. Ein Verrückter, dachte ich mir - er rennt hier rum, wo andere schon beim wandern am verzweifeln sind!

Ich machte dann wieder etwas länger Pause und A. sah schon nicht mehr so frisch aus - er hatte Schmerzen in den Beinen und war etwas kurzatmig. Als wir dann an der Hälfte des letzten Abstiegs waren - und ich ihm sagte, dass es nun noch einmal steil bergauf gehe - klappte er fast zusammen. Er konnte nicht mehr, er war fertig mit der Welt. Genau in diesem Augenblick kam uns Kita auf seinem Rückweg entgegen gelaufen. Ich fragte ihn ob unten im Tal die Straße sei, auf der man zum Tempel hoch ffahren kann, (weil die meisten japanischen Pilger ja Bus fahren). Nein, da sei nur einen kleine Straße - die Busse kämen aus einer anderen Richtung.

Aber er könne ein Taxi anrufen, welches unten auf der Straße warten würde und A. hoch zum Tempel fahren könne. Natürlich hatte er im Wald keinen Empfang - also düste er den Berg im Laufschritt wieder hinunter um ein Taxi anzurufen. Seiner Schätzung nach würde es 1000 Yen kosten (7,50 EUR).

Der Abstieg war steil und so war ich vor A. unten auf der Straße - Kita teilte mir mit, dass das Taxi 3000 Yen kosten würde - und das ja viel zu teuer wäre.

Also stoppte er einfachdas nächste Auto und fragte um Hilfe, die junge Frau erklärte, dass sie schnell noch etwas erledigen müssen, aber in 5 Minuten zurück wäre, um den Italiener zum Tempel zu fahren. Kita verdeutlichte mir nochmal, dass man auf keinen Fall Geld anbieten solle - das mögen die Japaner nicht, man gibt auch kein Trinkgeld in Japan, weil der (gute Service) inklusive ist.

Unglaublich - nach 5 Minuten war die Frau wieder da, und als A. den Abstieg vollendet hatte, wurde er ins Auto verfrachtet und zum Tempel gefahren - organisiert von zwei sich selbst und uns Wildfremden! Only in Japan ....

Ich hab dann den letzten Anstieg mit letzter Kraft und dem letzten Tropfen Wasser geschafft - diese Etappe hatte es wirklich in sich, die Leute erzählen keinen Mist. Der erste Tag auf dem Camino Frances über die Pyrinäen ist schon wirklich heftig, aber der hat nur einen Anstieg ... mit dem hier kann das nicht mithalten!

Dafür ist Tempel 12 traumhaft, übergroße Kūkai Statuen, 2 tolle Tempel und eine schöne auf dem Berg gelegene Anlage - ein Traum. Eingebettet in eine herrliche bewaldete Landschaft. Und kaum ist man am Tempeltor - hat man die Strapazen auch wieder vergessen. OK - ich brauchte erst eine eiskalte Cola aus dem Automaten. Zuckerrrr!

Da wir beide fertig und verschwitzt waren (A. meinte, es ginge ihm prima) haben wir beschlossen knapp 3 km weiter auf dem Pilgerweg zu laufen und in einer günstigen Privatunterkunft zu nächtigen (mit Dusche, Abendessen und Frühstück). Der Mönch im Büro kündigte uns dort telefonisch an.

Beim Abstieg hatte A. wieder massive Probleme mit den Knien und dem Atmen - ich hab ihm erklärt, dass er unbedingt einen oder zwei Ruhetage einlegen muss oder sein Weg sei früher beendet als er meinte, aber er ist wie ein störrische Esel. 

Die Unterkunft mit einem kleinen Laden wird von einem sehr netten älteren Ehepaar geleitet, wir bekamen tolles japanisches Essen (ich weiß nicht, was es alles war - aber es war lecker) und übernachten durften wir auf dünnen Matratzen auf dem Boden. Echt japanisch - und das Ganze für 4000 Yen ( 28 EUR). Soledad aus Chile ist auch hier und ein japanisches Ehepaar, das auch pilgert. 

Hah - für meine virtuose Darbietung mit meinen Essstäbchen würde ich besonders gelobt ... total nett diese Japaner! 

Morgen und übermorgen soll es regen … mal sehen.

 

Bilder des Tages: